Wie aus Montessori, Ethik und Technologie eine neue Lernkultur entsteht

Bild: Nina Dach – Trixie. (Abschlussarbeit BM Gestaltung & Kunst 2026)

Seit 200 Jahren begleitet die gibb Menschen in einer Arbeits- und Lebenswelt im Wandel. Im Cyberlabor der Abteilung IET zeigt sich, wie sich Berufsbildung weiterentwickelt: Lernende und Studierende analysieren Systeme und treffen Entscheidungen unter Unsicherheit. Zwischen Cybersecurity, KI und Ethik entsteht eine Lernkultur, die Eigenständigkeit, Verantwortung und technisches Denken verbindet.


Lernen beginnt im Cyberlabor nicht mit einem Lehrbuch. Sondern mit einem geöffneten Gerät auf einem Labortisch, einer zerlegten Kamera oder einem Mikrocontroller. Mit einem Netzwerkverkehr zwischen Kreditkarte und Zahlterminal, der plötzlich nicht mehr logisch erscheint. Auf Bildschirmen ziehen Daten vorbei, bis jemand darin ein Muster erkennt. Und dann wird es still im Labor. Niemand kennt die Lösung. Schritt für Schritt entsteht aus Unsicherheit Verständnis. Und es stellt sich die Frage:

Was passiert hier wirklich?

Im Schuljahr 2025/2026 ist im Rahmen des Schwerpunktsemesters Cybersecurity der HF-Informatik ein Lernraum entstanden, der bewusst anders funktioniert als klassischer Unterricht. Das Cyberlabor ist kein Ort des passiven Konsums. Die Studierenden organisieren sich selbst, diskutieren Ideen, analysieren Logdaten, zerlegen Hardware oder testen Sensorik und Robotik.


Manchmal wird im Labor über längere Zeit kaum gesprochen. Nicht weil niemand etwas zu sagen hätte, sondern weil alle vollständig in einer Analyse versunken sind. Dann beginnt echtes Lernen: wenn keine fertige Lösung mehr existiert und Denken notwendig wird.

Wer erlebt, wie nach Stunden konzentrierter Arbeit plötzlich ein Muster sichtbar wird, versteht, was Maria Montessori mit «echter Konzentration» meinte.


Auf den ersten Blick wirken Montessori-Pädagogik und ein Cyberlabor wie zwei Welten, die wenig miteinander zu tun haben. Doch die Verbindung ist nicht von der Hand zu weisen. Maria Montessori verstand Lernen als aktiven Prozess, in dem Menschen Zusammenhänge selbst entdecken. Ihr Satz «Hilf mir, es selbst zu tun» ist heute aktueller denn je. 

 

Die im Labor eingesetzten Technologien stammen nicht aus künstlichen Schulwelten. Die Studierenden lernen, wie Systeme manipuliert, Daten missbraucht oder Infrastrukturen angegriffen werden können, weil glaubwürdige Sicherheit nur dort entsteht, wo Verwundbarkeit verstanden wird. Eine wirksame Sicherheit braucht Menschen, die Zusammenhänge erkennen und auch unter Druck ruhig entscheiden können. Sicherheit entsteht nicht aus Angst. Sie entsteht aus Klarheit. Die Studierenden lernen, Risiken sachlich zu beurteilen und tatsächliche Gefahren zu erkennen. Wer Technologien versteht, verliert einen Teil der Unsicherheit davor. 

 

Um sich diese Eigenschaften anzueignen, erhalten die Studierenden eine Umgebung, die sie herausfordert. Geräte, Werkzeuge, Netzwerke und Materialien liegen bereit, wie eine Einladung zum Denken und Lernen.  
Montessori sprach in diesem Zusammenhang von der «vorbereiteten Umgebung»: einem Raum, der das Lernen nicht erzwingt, sondern durch Erfahrung und Eigenaktivität ermöglicht.  

Die Rolle der Lehrperson verändert sich in diesem Raum grundlegend. Sie beobachtet, begleitet, fordert heraus und hilft dabei, die richtigen Fragen zu stellen und die Gedanken zu schärfen. Wissen ist heute schnell verfügbar. Entscheidend ist jedoch, ob daraus Verständnis, Orientierung, Klarheit und Urteilskraft entstehen.

Diese Art des Lernens verändert zwangsläufig auch das Prüfen. Entscheidend ist nicht mehr die Fähigkeit, sein Wissen wiederzugeben, sondern Situationen zu verstehen, relevante Spuren zu erkennen und unter Unsicherheit professionell zu handeln.  

 

Cybersecurity ohne Ethik ist Machtwissen  

Technische Exzellenz ohne Integrität verliert ihren Wert. Je realistischer die Szenarien werden, desto wichtiger wird die Frage nach der Haltung. Unsere Studierenden lernen früh, dass technische Möglichkeiten nicht automatisch moralische Legitimation bedeuten. Klare «Rules of Engagement» gehören selbstverständlich zum Laboralltag. Die Studierenden arbeiten innerhalb definierter Grenzen, respektieren die Privatsphäre anderer und gehen professionell mit sensiblen Informationen um.  

  

In der Verbindung von Ethik, Informatik, Elektrotechnik, Robotik, Physical AI und reflektierter Pädagogik bietet die Abteilung IET ein Lernumfeld, das Menschen und Unternehmen auf eine technologische Zukunft vorbereitet: praxisnah, anspruchsvoll und geprägt von Haltung, Verantwortung und Selbstständigkeit.  

 

In Verbindung zur Tradition und zum Leitbild 

Diese Entwicklung erhält im Jubiläumsjahr «200 Jahre gibb» zusätzliche Bedeutung. Seit zwei Jahrhunderten begleitet die gibb Menschen in einer sich wandelnden Arbeits- und Lebenswelt. Heute entstehen neue Lernformen, in denen Technologie, Verantwortung und reflektiertes Handeln enger zusammenrücken. Das Lernen im Cyberlabor steht dabei in einer Berufsbildungstradition, die Praxisnähe, Innovationskraft, Selbstständigkeit und Verantwortung verbindet – und damit zentrale Werte des Leitbilds der gibb sichtbar macht. 

 

Künstliche Intelligenz verändert unsere Arbeitswelt. Vieles wird automatisiert, beschleunigt und vereinfacht. Und trotzdem bleibt etwas zutiefst Menschliches im Zentrum guter Bildung: Beziehung, Vertrauen, Orientierung und die Freude am Lernen. Vielleicht liegt genau darin eine der wichtigsten Aufgaben moderner Berufsbildung: Menschen zu stärken, die auch in komplexen technologischen Entwicklungen kritisch denken und Verantwortung übernehmen können.  

Im Cyberlabor beginnt das oft unspektakulär:  
mit einem geöffneten Gerät auf dem Tisch und der Frage: «Was passiert hier wirklich?» 

Testimonials

Ralph Maurer

Stv. Abteilungsleiter IET HBB

«Lernen entsteht durch Analyse und Verantwortung.»